Galerie Antonio Ferrara Annie Kevans - Vamps & Innocents


Gesicht und Charakter

by Goschka Gawlik
 
10 November 2007
 
Das Modell des männlichen Blicks auf Liebe, Erotik und Körper dominiert nach wie vor in unserer globalisierten Gesellschaft. Das Festhalten dieses Blicks für die Massen übernahm nach dem Ersten Weltkrieg der Hollywoodfilm, in dem das Bild der Frau zum sinnlichen Fetisch erhoben wurde. Die Ära des Stummfilms, die den Prozess der so genannten "selbstbewussten Weiblichkeit" einleitete, steht auch im Zentrum der Bilder weiblicher Stummfilmstars der Londoner Malerin Annie Kevans, deren Karriere eben startet. Parallel zu ihrer Ausstellung in München präsentiert sie ihre neueste Bilderserie "Vamps & Innocents" in einer Einzelausstellung in Wien.
 
Selten, dass ein so frisch entdecktes ausländisches Talent gleich nach Wien geholt wird. Aber gibt es nicht gerade in Wien einen besonderen historischen Bezug zum Bild der Frau als Schauspielerin? Waren nicht auch die ersten Wiener Schauspielerinnen in den Rollen, die sie in zahlreichen Melo- und Sozialdramen spielten, unschuldige Wesen und im Leben Vamps? Kevans Porträts der blutjungen Aktricen des amerikanischen Stummfilms, alle 51 x 41 cm groß, gemalt in Öl auf Papier, sind ganz in der Art dargestellt, wie der Hollywoodfilm das praktizierte: anstatt Frauen Charakterrollen zu geben, wie sie auch ihre männlichen Kollegen spielten, wurden sie nach Typen - ihren Charakteren entsprechend - unwiderrufbar eingeteilt. Zwei dieser Kategorien hat Annie Kevans kritisch aufgegriffen: die Hure und die Jungfrau.
 
Kevans empathische und absichtlich - was ihre Schönheit betrifft - nicht ganz perfekte Bildnisse junger Schauspielerinnen, wie Bessie Love, Lillian Gish oder die zuletzt zur Film-Ikone erklärte Louise Brooks, sind nicht ganz so unschuldig, wie sie wirken wollen. Angepasst in ihrer Malart dem Jetzt werden sie schlicht und spontan in ein paar farbigen aquarellartigen Pinselzügen erfasst. Manchmal unterstreicht der einfarbige Hintergrund die anmutige Aura der keck bis frech aussehenden Filmstars. Herausragend sind dabei vor allem die tiefen Blicke der Dargestellten, die sich immer in verschwörerischer Art an den/die BetrachterIn richten. Ein rot geschminkter Mund und eine Kurzhaarfrisur bilden darüber hinaus zwei Signale, die damals die moderne Frau und später in den 1920er Jahren die "Flapper-Generation" der neuen amerikanischen jungen Frauen ausmachten.
 
Hinter verführerischen Blicken voller Sehnsucht verbergen sich oft unerfüllte Wünsche und Traumas: In fast jeder Biographie der ausgewählten "neuen Frauen" gibt es die plötzlich abgebrochene Filmkarriere. Ihre eigene Persönlichkeit konnte keine von ihnen auf der Leinwand verwirklichen, nichtsdestoweniger veränderten "ungestüme junge Mädchen" von damals mit ihrem Outfit, Gesten und stummen Affektspielen den männlichen Blick und damit auch ein Stück westlicher Geschichte in Richtung der weiblichen Emanzipation.
 
 

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