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Galerie Antonio Ferrara
Annie Kevans - Vamps & Innocents
Gesicht
und Charakter
Das Modell des männlichen Blicks auf Liebe, Erotik und
Körper dominiert nach wie vor in unserer globalisierten Gesellschaft.
Das Festhalten dieses Blicks für die Massen übernahm nach dem Ersten
Weltkrieg der Hollywood film, in dem das Bild der Frau zum
sinnlichen Fetisch erhoben wurde. Die Ära des Stummfilms, die den
Prozess der so genannten "selbstbewussten Weiblichkeit" einleitete,
steht auch im Zentrum der Bilder weiblicher Stummfilmstars der
Londoner Malerin Annie Kevans, deren Karriere eben startet. Parallel
zu ihrer Ausstellung in München präsentiert sie ihre neueste
Bilderserie "Vamps & Innocents" in einer Einzelausstellung in Wien.
Selten, dass ein so frisch entdecktes ausländisches Talent gleich
nach Wien geholt wird.
Aber gibt es nicht gerade in Wien einen besonderen historischen
Bezug zum Bild der Frau als Schauspielerin? Waren nicht auch die
ersten Wiener Schauspielerinnen in den Rollen, die sie in
zahlreichen Melo- und Sozialdramen spielten, unschuldige Wesen und
im Leben Vamps? Kevans Porträts der blutjungen Aktricen des
amerikanischen Stummfilms, alle 51 x 41 cm groß, gemalt in Öl auf
Papier, sind ganz in der Art dargestellt, wie der Hollywoodfilm das
praktizierte: anstatt Frauen Charakterrollen zu geben, wie sie auch
ihre männlichen Kollegen spielten, wurden sie nach Typen - ihren
Charakteren entsprechend - unwiderrufbar eingeteilt. Zwei dieser
Kategorien hat Annie Kevans kritisch aufgegriffen: die Hure und die
Jungfrau.
Kevans
empathische und absichtlich - was ihre Schönheit betrifft - nicht
ganz perfekte Bildnisse junger Schauspielerinnen, wie Bessie Love,
Lillian Gish oder die zuletzt zur Film-Ikone erklärte Louise Brooks,
sind nicht ganz so unschuldig, wie sie wirken wollen. Angepasst in
ihrer Malart dem Jetzt werden sie schlicht und spontan in ein paar
farbigen aquarellartigen Pinselzügen erfasst.
Manchmal unterstreicht der einfarbige Hintergrund die anmutige Aura
der keck bis frech aussehenden Filmstars. Herausragend sind dabei
vor allem die tiefen Blicke der Dargestellten, die sich immer in
verschwörerischer Art an den/die BetrachterIn richten. Ein rot
geschminkter Mund und eine Kurzhaarfrisur bilden darüber hinaus zwei
Signale, die damals die moderne Frau und später in den 1920er Jahren
die "Flapper-Generation" der neuen amerikanischen jungen Frauen
ausmachten.
Hinter verführerischen
Blicken voller Sehnsucht verbergen sich oft unerfüllte Wünsche und
Traumas: In fast jeder Biographie der ausgewählten "neuen Frauen"
gibt es die plötzlich abgebrochene Filmkarriere. Ihre eigene
Persönlichkeit konnte keine von ihnen auf der Leinwand verwirklichen,
nichtsdestoweniger veränderten "ungestüme junge Mädchen" von damals
mit ihrem Outfit, Gesten und stummen Affektspielen den männlichen
Blick und damit auch ein Stück westlicher Geschichte in Richtung der
weiblichen Emanzipation. |
Art Magazine
10 November 2007
by Goschka Gawlik |